Während ich in meinem letzten Blog darüber berichtet habe, wie sich Assessment-Kandidat:innen am besten auf ein bevorstehendes Assessment vorbereiten können, wechsle ich jetzt die Perspektive und versuche aus Sicht des Kunden und Auftraggebers aufzuzeigen, worauf er achten sollte bei der Auswahl einer geeigneten Assessment-Firma.
Nachfolgend wird auf die hier illustrierten äusseren und inneren Merkmale näher eingegangen:
Zunächst sprechen wir von den einfachen und konkreten Punkten – einfach in dem Sinne, dass sie sich relativ leicht und mit wenig Aufwand überprüfen lassen:
Nun kommen wir «zum Eingemachten» – d. h. zu den inneren Qualitätsmerkmalen, die sich dem Kunden erst im Rahmen einer bereits bestehenden Zusammenarbeit allmählich erschliessen. Und diese «inneren Merkmale» erachte ich als letztlich matchentscheidend. Es gilt somit, in der längerfristigen Zusammenarbeit mit einem Assessment-Anbieter den Fokus auf diese Punkte zu legen und allmählich ein Gefühl für diese Qualitätsmerkmale zu entwickeln. Hier eine nicht abschliessende Liste von Qualitätsmerkmalen, die ich als besonders wichtig erachte:
Schafft es der Lead-Assessor, sich innert nützlicher Frist und mit vernünftigem Zeitaufwand ein realistisches und aussagekräftiges Bild zu machen vom Soll-Profil? Denn dies ist die absolute Voraussetzung, damit am Ende eine relevante Aussage über die Eignung eines Kandidaten oder einer Kandidatin gemacht werden kann. Häufig wird die Wichtigkeit dieses Schrittes unterschätzt oder aufgrund des Zeitdruckes wird ihm einfach nicht genügend Bedeutung beigemessen. Für den Lead-Assessoren ist es insofern keine leichte Aufgabe, als er einerseits dem meistens bestehenden grossen Zeitdruck des Auftraggebers gebührend Rechnung tragen muss – d. h. er kann den Auftraggeber nicht mit stundenlangen Gesprächen «belästigen». Gleichwohl muss er beim Kunden ein Minimum an Qualität beim Assessment-Briefing einfordern – und das geht eben meist nicht in 5 Minuten. Auch hier ist eine pragmatische Balance gefordert: «So viel Information wie nötig in so wenig Zeit wie möglich» – so lautet meist die Devise.
Ist das Briefing erst einmal erfolgt und ist der Lead-Assessor im Besitze eines differenzierten Soll-Profils, geht es nun darum, sich einen Plan auszudenken, wie man die wichtigsten Eigenschaften dieses Soll-Profils im Rahmen eines Assessments am besten überprüfen kann. Je nach Fragestellung kann dies mehr oder weniger Mühe bereiten. Aber es ist auf jeden Fall unabdingbar, dass jedes einzelne Assessment neu entwickelt werden und sich auf die jeweils spezifischen Fragestellungen fokussieren muss. Es geht hier insbesondere auch darum, ein sicheres Gefühl zu entwickeln für erfolgskritische Situationen, die im zukünftigen Berufsalltag gemeistert werden müssen. Je präziser man diese Situationen im Assessment kreieren kann, desto besser sind in der Regel die Voraussetzungen, um daraus wirklich relevante Aussagen über die Eignung eines Kandidaten oder einer Kandidatin machen zu können.
Will man den Aufwand für ein Assessment im «vernünftigen Mass» halten, kann man sich in der Regel keine professionellen Schauspieler:innen leisten. Daher ist man auf die schauspielerischen Leistungen des Assessoren-Teams angewiesen. Nur wenn es gelingt, eine relativ realistische Handlungs- und Gesprächssituation zu kreieren, sind die Voraussetzungen gegeben, in welchen echte Handlungsmuster der Kandidaten und Kandidatinnen erfasst werden können. Dabei spielt es zudem eine grosse Rolle, inwiefern die Rollenspieler:innen es verstehen, auf gewisse Verhaltensweisen des Kandidaten realistisch zu reagieren, was so viel bedeutet, dass die Rollenspiele der verschiedenen Kandidat:innen – trotz identischer Ausgangslage – einen letztlich völlig anderen Verlauf nehmen können. Hier müssen die Rollenspieler:innen jedoch insofern besonders fair und objektiv sein, als sie stets mit der gleichen Grundhaltung und Einstellung in die Situation hineingehen müssen, und erst im Verlaufe des Rollenspiels ad hoc entscheiden, wie sie reagieren wollen. Man sollte eigentlich in der Lage sein, möglichst «leer» und ohne konkrete Vorstellungen in ein Rollenspiel zu gehen – und dann zu schauen, wohin der Kandidat oder die Kandidatin einen hinführt. Dies ist enorm anspruchsvoll – und gleichzeitig liegt hier wohl einer der Kernpunkte, der über eine gute oder weniger gute Qualität eines Assessments entscheidet.
Eine weitere wichtige Methode, die im Assessment zum Einsatz kommt, ist die Interviewmethode. Ohne an dieser Stelle allzu tief in diese ebenfalls sehr komplexe Materie eintauchen zu können, viel-leicht einfach dies: Es gibt bestimmte Techniken, mit denen es recht gut gelingt, das üblichen und eher langweilige Frage- und Antwortspiel relativ schnell zu durchbrechen, um zu authentischeren und damit aussagekräftigeren Aussagen zu kommen. Am einfachsten geschieht dies, wenn es gelingt, die Kandidat:innen in eigentliche «Erzählstränge» zu verwickeln. Wer einfach frisch von der Leber aus seinem Leben erzählt, gibt automatisch zahlreiche Hinweise darüber, wie er eine Sache angeht, was er darüber denkt und welche Werte ihm wirklich wichtig sind. Entscheidend ist somit nicht unbedingt die Länge des Interviews, sondern die Qualität des sich entwickelnden Dialogs.
Hier kommen wir zu einem Aspekt, den man eigentlich auch bei den äusseren Merkmalen aufführen könnte, zumal dieser Bericht ja dann in schriftlicher Form vorliegt. Ich führe ihn jedoch hier auf, weil sie dies eben erst am Ende eines Mandats beurteilen können:
Ich denke, hier ist es vor allem wichtig, dass im Bericht ein nachvollziehbares Bild über einen Kandidaten oder eine Kandidatin gezeichnet wird. Man sollte sich diesen Menschen danach vorstellen können. Dienlich ist dabei eine klare und pragmatische Sprache, die sich sowohl von «psychologischem Fach-Chinesisch» als auch von allzu oberflächlichen HR-Plattitüden wohltuend abhebt. Daneben ist auch eine nachvollziehbare und klare Argumentation wichtig. Man sollte als Leser:in nachempfinden können, warum man bei der Beurteilung einer interaktiven Übung zu einer bestimmten Einschätzung gekommen ist und wie diese beispielsweise zu gewichten ist im Zusammenhang mit Aussagen, die sich aus einem Persönlichkeitsprofil ergeben. Aussagen aus Interviews sind ebenfalls wichtig – aber um diese adäquat einschätzen zu können, braucht es auch eine gesunde und wache innere Distanz. Es ist letztlich Sache des Assessoren-Teams, zu entscheiden, welche Aussagen besonders gewichtet werden und welche weniger. Das bedeutet, dass die Assessoren:innen eigentlich während des ganzen Assessments stets parallel beurteilen, wie authentisch bzw. wie glaubhaft eine Aussage eines Kandidaten oder einer Kandidatin ist. Der Bericht muss zudem so strukturiert sein, dass er einen sauberen und übersichtlichen Abgleich zwischen Ist- und Soll-Profil ermöglicht. Dabei ist weniger manchmal mehr – aber weder die Kürze noch die Länge allein sind natürlich per se Qualitätsmerkmale.
In der Regel ist es so, dass der Kunde nicht nur wissen möchte, wie die einzelnen Kandidat:innen im Assessment abgeschnitten haben, sondern auch, wie sie im direkten Vergleich zueinander dastehen. Denn im Rahmen von Selektionsprozessen – und in diesem Zusammenhang werden ja Assessments oft eingesetzt – braucht es am Ende ja einen Selektionsentscheid. Dabei kann eine klare Aussage im Sinne eines Rankings der Assessment-Firma durchaus hilfreich sein und dies ist auch etwas, das man als Kunde erwarten darf.
Egal ob remote oder live – die Art und Weise, wie eine Assessment-Firma ihre Ergebnisse beim Kunden präsentiert, sagt auch einiges aus über die Qualität ihrer Arbeit. So ist es beispielsweise unbedingt erforderlich, dass die wichtigsten Ergebnisse einerseits klar und deutlich formuliert werden können, dass andererseits aber auch ein Spielraum für Diskussionen bleibt, welchen man nutzen kann, um weiterführende Fragen zu behandeln und im gemeinsamen Austausch vielleicht sogar zu neuen Einschätzungen kommt, die über die eigentliche Fragestellung beim Assessment hinausgehen. Wichtig ist hier, dass sich bei diesen Meetings der Kunde und die Assessmentfirma als ein Team verstehen, welches das gemeinsame Ziel verfolgt, eine möglichst gute Personalentscheidung vorzubereiten. Die Entscheidung selbst fällt dann in der Regel natürlich unter Ausschluss des Assessment-Anbieters.
Das Qualitätsmerkmal schlechthin ist natürlich die Prognosequalität des Assessmentberichts, wobei es recht anspruchsvoll ist, diese angemessen zu beurteilen – und zwar aus verschiedenen Gründen: Erstens braucht es einen längeren Beobachtungszeitraum von mindestens 2-3 Jahren. Meines Erachtens kann man bei verantwortungsvollen Führungsaufgaben erst dann etwas dazu sagen, ob jemand wirklich einen guten Job gemacht hat oder nicht. Doch auf der anderen Seite ist ein zu grosser Beobachtungszeitraum insofern problematisch, als mit zunehmender Dauer die Wahrscheinlichkeit steigt, dass andere Faktoren die Situation massgeblich beeinflusst haben könnten, die man nicht mehr grösstenteils auf die Führungskompetenz eines Kandidaten oder einer Kandidatin bzw. auf die Prognosequalität des Assessments zurückführen kann. Daher sind hier eine differenzierte Einschätzung und Beurteilung umso wichtiger. Je länger überdies die Zusammenarbeit zwischen einem Assessment-Anbieter und einem Auftraggeber schon andauert, desto besser ist der Kunde in der Lage, die Prognosequalität der Assessment-Firma einzuschätzen.
Nach dem Rekrutierungsprozess sollte jeder Kandidat und jede Kandidatin die Gelegenheit erhalten, im Rahmen eines Feedbackgesprächs den Bericht über das eigene Assessment mit dem Lead-Assessoren (in der Regel die gleiche Person, welche den Bericht geschrieben hat) diskutieren zu können. Anspruchsvoll sind diese Gespräche vor allem dann, wenn Selbst- und Fremdbild eines AC-Kandidaten stark divergieren. Genau dann aber zeigt sich wiederum die Qualität eines Assessment-Anbieters. Wie geht der Lead-Assessor mit solchen Situationen um? Kann er beispielsweise offen auf die Perspektive des Kandidaten eingehen, ohne dabei gleichzeitig an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln? Kann er Differenzen so stehen lassen, ohne dass der AC-Kandidat sein Gesicht verliert?
Wer viel Feedback an andere Personen abgibt – und darum geht es ja im Wesentlichen bei Assessments – sollte auf offen und bereit sein, erhaltenes Feedback anzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Nur wo dies der Fall ist, kann man davon ausgehen, dass die Assessment-Firma ein ernsthaftes Interesse daran hat, sich stets weiterzuentwickeln und sich zu verbessern. Und auch dies ist etwas, was man von einer wirklich guten Assessment-Firma erwarten darf.